Die
Dollarkrise und die USA
Loren Goldner
So unglaublich es klingen mag, aber seit dem Ende der 50er Jahre dreht
sich die Weltwirtschaft um eine stetig wachsende Masse nomadisierender
Dollars (die außerhalb der USA gehalten werden) wie um eine
heiße Kartoffel. Würden sie auf einmal in greifbaren
Reichtum verwandelt, würde die Welt in eine deflationäre
Krise stürzen. Selbst jetzt sind sich nur wenige Menschen
darüber im Klaren, in welchem Ausmaß diese „technische“
Frage der Wirtschaft, die in Wahrheit eine eminent soziale Frage ist,
die letzten 45 Jahre der Weltgeschichte geprägt hat.
In Schlüsseljahren ist sie wiederholt ins Bewußtsein
gelangt: 1968, als die Golddeckung des Dollar in Frage gestellt wurde;
1973, als das Bretton Woods Systems aufgekündigt wurde; 1979, als
es weltweit eine galoppierende Inflation gab und die Unze Gold auf 850
US-Dollar kletterte; 1990 mit der Deflationskrise in Japan und 1997-98
mit der Asienkrise, der Einstellung der Schuldenzahlung durch Russland
und der Krise der Hedge Fonds. Heute stehen wir eindeutig wieder an
einem Wendepunkt und vielleicht, in den nächsten Jahren, an dem
lange hinausgeschobenen Höhepunkt dieser Entwicklung – wenn
nämlich die Masse an US-Dollars, die inzwischen gigantische
Ausmaße angenommen hat – aus den 30 Mrd.Dollar 1958 sind heute
mindestens 11 Billionen geworden – in der einen oder anderen Weise
entwertet wird.
Nachdem die Wahlen glücklich überstanden sind, kann sich die
Bush-Administration nun der Weltwirtschaftskrise widmen, die ihr seit
ihrem Amtsantritt im Nacken sitzt, nachdem die Aktienkurse im
Frühjahr 2000 eingebrochen waren. Bush und seine Leute müssen
– wie sie sagen – so schnell wie möglich das Schlimmste hinter
sich kriegen, bevor neue Wahlen oder andere politische
Herausforderungen anstehen. (Hätte Kerry gewonnen, stünde
seine Regierung jetzt womöglich vor einer noch größeren
Krise, da sie verbunden wäre mit internationaler Unsicherheit in
Bezug auf mehrere Politikfelder.) In den vergangenen Wochen ist die
Dollarkrise erneut von der Ebene einer technischen Diskussion zwischen
randständigen Zirkeln von Spezialisten in den Mittelpunkt der
Aufmerksamkeit der Medien gerückt. Die Dollarkrise ist nur der
unmittelbar sichtbare Aspekt einer tiefgreifenden sozialen und
ökonomischen Krise, die seit Jahrzehnten fortschreitet.
Prominente pro-kapitalistische Wirtschaftsfachleute wie Steve Roach
oder Paul Krugman sagen heute, dass eine große Krise fast
unvermeidbar ist, die Frage sei eher wann, als ob. Dies ist umso
bemerkenswerter als in den acht oder neun Monaten, in denen sich die
Medien über die US-Wahlen ereifert haben, diese Tatsache und die
Fragen, die sie aufwirft, <I>nirgendwo<I> Gegenstand der
Diskussion waren. Seit den 60ern, als der problematische internationale
Status des US-Dollar zu einem politischen Dauerlutscher (mit Höhen
und Tiefen) wurde, hat sich nie mehr ein amerikanischer
Spitzenpolitiker an dieses Thema gewagt. Das ist noch mehr ein
politisches Selbstmordkommando als die Sozialversicherung oder das
Gesundheitswesen. Leider ist diese Frage auch auf der radikalen Linken
nicht Gegenstand der Diskussion – von wenigen Ausnahmen abgesehen.
Krisenfaktor USA
Eine kapitalistische Krise wie die derzeitige ähnelt einem
Pokerspiel, bei dem reiner Tisch gemacht und alle Karten und Chips
für das nächste Spiel neu verteilt werden, damit es
überhaupt weiter gehen kann. So etwas könnte wie ein
ordentlicher Konkurs ablaufen. Wahrscheinlich wird es aber chaotisch
ablaufen, die wirtschaftlichen Sicherungen brennen durch, es gibt
Klassenkampf und Krieg. Nur die beiden letzteren Formen bergen die
Kraft und Legitimität für die notwendigen Änderungen.
Die jetzige Krise wird aller Wahrscheinlichkeit nach nicht in der
reinen Form ablaufen wie 1929: mit abrupter Deflation, Börsenkrach
und plötzlichem Ansteigen der Massenarbeitslosigkeit, obwohl eine
Kombination der drei nicht auszuschließen ist. Vom
kapitalistischen Standpunkt aus müssen die nahezu 11 Billionen
US-Dollar, die derzeit von Ausländern gehalten werden, irgendwie
entwertet werden; danach müssen die wichtigsten Wechselkurse den
neuen wirtschaftlichen Realitäten angepaßt werden. Der
Dollar muss von seinem Thron als weltweite Reservewährung
gestürzt werden – ca. 63% aller Zentralbankreserven der Welt
werden derzeit in Dollar gehalten; noch vor einem Jahr waren es 69% –
und neben Euro, Yen und vielleicht einem Korb verschiedender
großer Währungen zu einer Reservewährung unter anderen
herabgestuft werden.
Die USA müssen aufhören, jedes Jahr 600 Mrd.Dollar Miese in
der Zahlungsbilanz zu schreiben, weshalb sie 80% der Ersparnisse der
Welt anziehen müssen, um diesen Schuldenberg zu finanzieren. Sie
müssen die annähernd 33 Billionen Schulden des Bundes, der
Bundesstaaten, der Gemeinden, der Unternehmen und der Privathaushalte –
dreimal soviel wie das Bruttoinlandsprodukt – entwerten, die in den
letzten Jahrzehnte die Wirtschaft am Laufen gehalten haben. Das
hätte u.a. das Platzen der enormen Hypothekenblase zur Folge und
würde Millionen Familien und Einzelpersonen in den Bankrott
treiben. Die USA müssen einen Weg finden, Importe und Exporte
auszugleichen. Angesichts der weitgehenden Entkernung der US-Industrie
in den letzten 35 Jahren bedeutet dies vor allem, dass die Importe
massiv zurückgeschraubt werden müssen und der
US-amerikanischen Arbeiterklasse ein drastisches „Sparprogramm“
auferlegt wird.
In jeder größeren Krise des Kapitalismus war das wesentliche
Problem immer das, eine Blase fiktiver oder spekulativer Forderungen
(Aktien, Rentenpapiere, Eigentumstitel) zum Platzen oder Schrumpfen zu
bringen und diese Forderungen wieder in ein Verhältnis zur
tatsächlichen Profitrate in der Produktion zu setzen oder zu
freien Impulsen von außerhalb, wie die Plünderung der Natur
und der bäuerlichen Arbeit. Heutzutage ist dieser Prozess aber
viel komplizierter geworden, weil die USA jahrzehntelang in eine
Rentiers-Ökonomie verwandelt wurden – in weitaus
größerem Maß als das British Empire zwischen 1815 und
1945. Wie das passiert ist, kann hier nicht dargelegt werden, aber was
das US-Imperium seit dem 2.Weltkrieg vom britischen unterscheidet, ist
Amerikas Fähigkeit, dem Rest der Welt seine Schulden in Gestalt
von Dollarreserven der Zentralbanken aufzuzwingen. Die Briten konnten
dies nur im Rahmen ihres Empire durchsetzen; weltweit hatten sie
mächtige Rivalen und waren an den Goldstandard gebunden. Den USA
aber ist es vor allem nach 1973 gelungen, den Rest der Welt auf einen
nicht mehr verankerten Dollarstandard zu setzen, der sich auf nichts
anderes gründet als auf die finanzielle Glaubwürdigkeit der
US-Regierung.
Zur gleichen Zeit haben die USA eine dramatische De-Industrialisierung
erlebt, während die Gelehrten des Status Quo den Aufstieg einer
Ökonomie feierten, die sich auf Finanzgeschäfte,
Versicherungen und Immobilien stützt – die neue postindustrielle
Dienstleistungsgesellschaft, die die alte Schornstein–Ökonomie
mitsamt ihren Arbeitsplätzen ersetzen werde. Diese Gelehrten haben
nicht vorhergesehen, dass auch diese Dienstleistungen einmal nach China
oder Indien ausgelagert würden. Weil die US-Wirtschaft weniger vom
internationalen Handel abhängt als die meisten anderen
kapitalistischen Länder, schenkten außerhalb des genannten
randständigen Zirkels von Spezialisten nur Wenige der Tatsache
Aufmerksamkeit, dass die USA schon seit den 60er Jahren vom guten
Willen der Ausländer abhängen, das amerikanische
Zahlungsbilanzdefizit auf dem US-Kapitalmarkt in US-Staatsanleihen und
Wertpapiere (Aktien, Obligationen) umzuwandeln, damit die
Dienstleistungsökonomie funktionieren kann.
Die ausländischen Regierungen und das private Kapital mußten
diese Situation dulden, denn die Alternative wäre der Kollaps des
riesigen US-Binnenmarkts für ihre Exporte gewesen, und das
hätte sie mit in den Abgrund gerissen. Während des Kalten
Kriegs half auch der militärische Druck auf Europa und Japan, die
Ausänder gefügig zu machen. Der Kalte Krieg hat an dieser
Konstellation nichts geändert, er hat sie nur viel schlimmer
gemacht, wie ein kleiner Tumor, der zu einer monströsen Schwellung
anwächst. Wie US-Schatzminister John Connally 1971 an die Adresse
von Europa und Japan sagte: „Es ist unsere Währung, aber euer
Problem.“ Ohne das (recht alternativlose) Recycling der Dollars durch
die Ausländer in den USA selbst würden die tragenden
Säulen der US-Binnenwirtschaft – die Kreditfinanzierung von Auto
und Wohnung – über Nacht zusammenbrechen.
Die Krise wird verdunkelt
Schlimmer ist, dass auch Wirtschaftsbooms wie in China und in
Lateinamerika (angeführt von Brasilien) unmittelbar von der
globalen Zirkulation der Dollar-Blase abhängen. Ohne die massiven
chinesischen Exporte in die USA, die von Chinas und Japans Bereitschaft
abhängen, Hunderte Milliarden US-Dollar als Zentralbankreserve zu
halten, würde der Boom in China zusammenbrechen, ebenso der
derzeitige Wirtschaftsaufschwung in Lateinamerika, der ermöglicht
wird durch den Export von Rohstoffen nach China, womit dort die
Konsumgüter für den US-amerikanischen Markt hergestellt
werden. Fraglos hat das Anschwellen der Masse nomadisierender Dollars
in Asien zu einem gewissen, realen wirtschaftlichen Aufschwung
geführt – die Weltbank und der IWF verkünden gern, der Anteil
der Bevölkerung, der von 1 Dollar am Tag lebe, sei unter 20%
gesunken. Die Nachfrage, die diese Entwicklung antreibt, muss jedoch in
der globalen Dollar-Schulden-Pyramide verortet werden.
Aber genug von dieser technischen Ökonomiediskussion, die eh den
meisten Menschen die Augen übergehen läßt. Die wirklich
spannende Frage ist, was dies alles für die radikale
antikapitalistische Linke bedeutet. Fakt ist, dass weder wir, noch die
große Mehrheit der US-amerikanischen Bevölkerung auf den
Umfang der Katastrophe vorbereitet sind, die vor uns liegt. Das
Maß an Kürzungen, das die Kapitalisten verlangen werden,
wird so groß sein wie seit den 30er Jahren nicht mehr. Damals
aber schickten die USA sich an, zum unangefochten größten
Geldgeber und Industrieproduzenten zu werden, nicht zur
größten Schuldnernation der Welt und ex-Industriemacht wie
jetzt.
So unklar, wie diese Wirtschaftsdynamik der Öffentlichkeit wie
auch der radikalen Linken ist: sie wird noch weiter verdunkelt durch
die Entschlossenheit auf Kapitalseite, eine rein wirtschaftliche Krise
zu verhindern. Ähnlich hat sich 1938 Hitler entschlossen einen
Krieg zu beginnen, als sein Finanzminister Schacht ihm mitteilte, der
deutsche Schuldenberg und die Kriegsproduktion stünden vor dem
Zusammenbruch. Die Strategie der USA nach 1979 an den Rändern von
Russland und China – Afghanistan, Jugoslawien, Irak, jetzt die Ukraine,
morgen wahrscheinlich Iran und Nordkorea – zielt darauf ab, dass sich
auf der eurasischen Landmasse nicht ein ernsthafter wirtschaftlicher
und militärischer Gegenspieler zusammenballt. Seit 1991 verfolgt
die US-amerikanische Außenpolitik das Ziel, den Einfluss
Russlands hinter seine Grenzen im 17.Jahrundert
zurückzudrängen. Eine erfolgreiche, US-finanzierte
demokratische Revolution in der Ukraine wäre nach Serbien und
Georgien ein gigantischer Schritt in dieser Richtung.
Europa, Russland, China, Japan und Indien müssen im Widerstreit
gegeneinander und in der Defensive gehalten werden, damit sie
unfähig bleiben, den zunehmend offensichtlichen Bankrott des von
den USA beherrschten Weltsystems in Frage zu stellen. Dieser
Offensivpolitik (im Golfstaat Qatar steht inzwischen eine ebenso
große US-Streitmacht wie in Deutschland), ganz zu schweigen von
Krisenherden wie Sudan, Venezuela, Kolumbien und Dauerlutschern wie
Palästina, wird es nie an Brandherden fehlen, die sie austreten
muss, sollte einmal der Krieg gegen den Terror seine mobilisierende
Wirkung verfehlen. Die amerikanischen Kapitalisten verstehen sehr wohl,
dass ihr Niedergang nur aufgehalten werden kann, wenn sie alle
potentiellen Rivalen und auch die arbeitende Bevölkerung in den
USA selbst in einem permanenten Konfliktzustand zu halten. Sie werden
alles tun, um die Folgen des jahrzehntelangen Niedergangs der USA als
das Werk von Terroristen erscheinen zu lassen, oder das von China oder
selbst das von Europa – man erinnere sich nur an das unglaubliche
French-Bashings vor dem Irakkrieg.
So fern die Perspektive politischer und sozialer Macht für eine
radikale antikapitalistische Linke auch liegen mag, müssen wir
doch beginnen, ein breites Verständnis für die realen
Kräfte zu schaffen, die heute die politische Agenda prägen.
Die Ideologie, die sich derzeit um den Isolationismus der USA legt und
ihn schürt, kann morgen einen breit angelegten protektionistischen
Gegenschlag anheizen, der nur ein weiteres Ablenkungsmanöver von
der Krise wäre. Niemand Geringeres als Warren Buffett sagt seit
Jahren: Amerikas große, hoch bezahlte Armee von
Finanzdienstleistern, Vorständen der Medienbranche,
Rechtsanwälten, Gesundheitsbürokraten und Tausende Anderer,
die die postindustrielle Dienstleistungsökonomie bevölkern,
treten die Gesellschaft kollektiv vors Schienbein. Die Kluft zwischen
normalen, arbeitenden Menschen und dem von den Medien geförderten
Spektakel der Politik des Business-as-usual ist groß genug. Unser
Problem ist vielmehr, wie der populistische Impuls, den Leute wie
Buffett oder Nader oder Buchanan oder Tom Frank rechts wie links zum
Ausdruck bringen, in eine radikale, marxistische Analyse der Dynamik
des globalen Systems der gesellschaftlichen Beziehungen transformiert
werden kann.
Loren Goldner
Der Autor lebt bei New York und unterhält die Webseite:
home.earthlink.net/~lrgoldner