Marx,
Hegel, Ricardo:
Die „verkehrte Welt" im Herzen der
Kritik der Politischen Ökonomie
von Loren Goldner
„Die Art, wie mittelst des Übergangs durch die Profitrate der
Mehrwert in die Form des Profits verwandelt wird, ist jedoch nur die
Weiterentwicklung der schon während des Produktionsprozesses
vorgehenden Verkehrung von Subjekt und Objekt. ... Aus diesem
verkehrten Verhältnis entspringt notwendig schon im einfachen
Produktionsverhältnis selbst die entsprechende verkehrte
Vorstellung, ... Es ist, wie man bei der Ricardoschen Schule studieren
kann, ein ganz verkehrter Versuch, die Gesetze der Profitrate
unmittelbar als Gesetze der Mehrwertsrate oder umgekehrt darstellen zu
wollen." (Kapital Bd. III, S. 55, MEW 25, Berlin 1956-75).
In den letzten vierzig Jahren ist es einfacher geworden, einen scharfen
Trennungsstrich zu ziehen zwischen den Werttheorien von Ricardo und
Marx wie auch zwischen der Ricardoschen Politischen Ökonomie und
Marx' Kritik der Politischen Ökonomie.
Etwas später, in den 1980ern, gab es ein kurzlebiges
neoricardianisches Revival.Der "analytische Marxismus", der „Marxismus
ohne Verarschung" (das war ihr Kriegsruf) der Roehmers, Steedmans und
Elsters unternahm wieder mal eine konzertierte Aktion, den Marxismus
von Hegelscher Schlacke zu „befreien". Roemer ging sogar so weit zu
behaupten, der Marxismus könne mit neoklassischer Politischer
Ökonomie angereichert werden, und er folgte Morishima in
ausgedehnte Ausflüge in die Matrizenalgebra, um ein
nichtexistentes „Transformationsproblem" zu lösen.
Glücklicherweise haben im letzten Jahrzehnt Leute wie Postone und
Jappe (wie problematisch sie sonst auch sein mögen) wichtige
Elemente desjenigen Marx restauriert, der den vorliegenden Artikel
beseelt. Doch hat (soweit ich weiß) noch niemand
herausgearbeitet, wie tief Hegels Begriff der „Verkehrung" den
sogenannten „späten" Marx des Kapitals und der Theorien über
den Mehrwert beeinflusst hat, und insbesondere, wie er dessen Kritik an
dem wichtigsten Politökonomen, an David Ricardo (1770-1823) den
Rahmen gibt.
Joan Robinson, eine weitere Figur aus einer früheren Generation,
die sich nicht damit aufhielt, bei Das Kapital die
Unterüberschrift zu lesen, und die infolgedessen ähnlich
darauf brannte, aus Marx einen Ökonomen zu machen, fragte an einer
Stelle, warum sie, nur um das Verhältnis zwischen Preis und Wert
zu verstehen, soviel „Deutsche Metaphysik" lesen musste. Rosa Luxemburg
gelang es leichter, den Entwicklungsbogen vom Tableau Economique der
Physiokraten zu Ricardo und darüber hinaus zur späteren
ricardianischen Schule als Blütezeit und Niedergang der
politischen Ökonomie zu verstehen - wir sprechen hier von 1840!
Oder, wie Marx es ausdrückt: „In der Tat hatten diese
bürgerlichen Ökonomen den richtigen Instinkt, es sei sehr
gefährlich, die brennende Frage nach dem Ursprung des Mehrwerts zu
tief zu ergründen." (Kapital, Bd. I, S. 539) Es ist atemberaubend
zu sehen, wie das bürgerliche Denken auf diesem entscheidenden
Gebiet bereits im Jahr 1820 seinen Höhepunkt erreicht hatte. Nach
dem Untergang der ricardianischen Schule und dem Anfang der
mathematisch orientierten neoklassischen Ökonomie ist die
Abstraktion von den Ursprüngen noch weit tiefer begraben als bei
Smith und Ricardo. In den 1960ern (von heute ganz zu schweigen)
entstand so eine Ideologie, an die sich die über die (dann Vor-)
Geschichte Forschenden der Zukunft so erinnern werden: Damals, das
hatte mehr mit dem Nominalismus zu Ausgang des Mittelalters zu tun als
mit irgendeiner zeitgenössischen Wirklichkeit.
Für Marx stellte also Ricardo den am weitesten fortgeschrittenen
kapitalistischen Standpunkt dar. Die „sinnliche umwälzende
Tätigkeit" in den Thesen zu Feuerbach bei Marx ist „die aktive
Seite, die der Idealismus entwickelt hat", und hier besonders der
andere am weitesten fortgeschrittene kapitalistische Standpunkt, die
Arbeit von G.F.W.Hegel (1770-1832).
Marx geht vor wie Hegel in der Phänomenologie des Geistes. Wo
Hegel bei der „sinnlichen Gewißheit" beginnt und herausfindet,
daß diese das absolute Wissen als Voraussetzung hat, beginnt Marx
mit der Ware, der „Zelle" der kapitalistischen Produktionsweise, und
zeigt, daß diese die Bewegung des gesellschaftlichen
Gesamtkapitals als Voraussetzung hat. Marx beginnt den ersten Band des
Kapital mit der immanenten Kritik an Ricardo, indem er Ricardos
Sichtweise wiederholt, der Wert einer Ware sei bestimmt durch die
gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, die für ihre Herstellung
erforderlich war (Ricardo, Grundsätze der Volkswirtschaft und der
Besteuerung). An dieser Stelle und weite Teile der ersten beiden
Bände hindurch zwingt Marx „die versteinerten Verhältnisse
zum Tanzen, daß er ihnen ihre eigene Melodie vorsingt." Marx'
wirkliche Ansicht, daß nämlich der Wert einer Ware bestimmt
ist durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, die ihre
REproduktion erfordert, wird im Kapital nur langsam entwickelt.
Tatsächlich enthalten weite Teile der ersten beiden Bände
„ricardianische" oder quasi-ricardianische Formulierungen (wie gesagt:
als immanente Kritik): in den Brennpunkt rückt (im ersten Band)
die Bestimmung des Werts einer Ware durch die zu ihrer Herstellung
notwendige Zeit, dann die ausschließliche Konzentration auf den
unmittelbaren Produktionsprozeß, die atomistische Sichtweise vom
einzelnen kapitalistischen Unternehmen aus und die Annahme einer
einfachen Reproduktion. „Es wurde in Buch I gezeigt, wie die
Akkumulation für den einzelnen Kapitalisten verläuft"
(Kapital II, S. 485). Zum zweiten Band: „Es handelte sich aber im
ersten wie im zweiten Abschnitt immer nur um ein individuelles
Kapital..." (Kapital II, S.353). Und wie Marx im dritten Band sagt,
stößt der Kapitalismus im unmittelbaren
Produktionsprozeß nicht an Grenzen, oder höchstens an sehr
elastische, und sein wahres Problem besteht darin, das
gesellschaftliche Gesamtkapital zu reproduzieren, das Marx gegen Ende
des zweiten Bandes präsentiert und den ganzen dritten Band
hindurch. Und wieder kritisiert Marx am Ende des dritten Bandes die
Politische Ökonomie, weil „der Zusammenhang des
Reproduktionsprozesses nicht begriffen wird, wie er sich darstellt,
nicht vom Standpunkt des einzelnen Kapitals, sondern von dem des
Gesamtkapitals aus betrachtet..." (Kapital III, S.852). Der
entscheidende qualitative Sprung von Band I und dem Großteil des
Bandes II einerseits zu den Schlußkapiteln von Band II und dem
gesamten Dritten Band andererseits liegt im gesellschaftlichen
Gesamtkapital, das weit mehr ist als nur die Summe der Einzelkapitale,
als dem Rahmen für die Verteilung der durchschnittlichen
Profitrate an die Einzelkapitalisten im Kontext der erweiterten
Reproduktion. „Die einfache Reproduktion auf gleichbleibender
Stufenleiter erscheint insoweit als eine Abstraktion, als einerseits
auf kapitalistischer Basis Abwesenheit aller Akkumulation oder
Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter eine befremdliche Annahme
ist..." (Kapital II, S. 393-394).
Marx' immanente Kritik an Ricardos Verkehrung gipfelt in den
Schlußkapiteln von Band III, zuerst in der berühmten „
Trinitäts"-Passage (Bd. III, S. 838; dieses 48. Kapitel
heißt "Die trinitarische Formel" [Trinität, dt.
Dreieinigkeit; ironische Anspielung auf die christliche Religion mit
Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist; Anm. d.Ü.]; gemeint sind
Kapital/Zins, Grundrente und Lohnarbeit) über die „verzauberte,
verkehrte und auf den Kopf gestellte Welt", und geht weiter mit der
Diskussion des „die ganze politische Ökonomie durchziehenden
absurden Dogmas, daß der Wert der Waren sich in letzter Instanz
ganz zersetzt in Einkommen, in Arbeitslohn, Profit und Rente." (S.
848-849). Schon Smith hatte den Wert in Rente, Profit und Löhne
verkehrt (Theorien über den Mehrwert, Band 1, S. 353)
Und das vervollständigt wiederum den Sinn von Marx' Formulierung,
mit den mystifizierenden Kategorien des fixen und zirkulierenden
Kapitals „ist der alles entscheidende Unterschied zwischen variablem
und konstantem Kapital ausgelöscht, also das ganze Geheimnis der
Mehrwertbildung und der kapitalistischen Produktion..." (Kapital II, S.
221).
Hegels Phänomenologie als geschlossenes System endet in einem
Teufelskreis, bei dem das absolute Wissen zu sich selbst
zurückkehrt als „sinnliche Gewißheit", wohingegen Marx'
offenes System aus dem (einfach reproduktiven) Kreislauf des Kapitals,
der sich durch den größten Teil der Bände I und II
zieht, ausbricht in „die aus der Kreisform in die Spirale
übergehende Reproduktion" (Kapital I, S. 656).
Ricardos Verkehrung, indem er Kapitalismus „bloß vom Standpunkt
des Zirkulationsprozesses betrachtet" (Band II, S. 220) , hindert
ihn daran, den Mehrwert als solchen zu erkennen, er sieht nur die
verkehrten Formen, in denen er den Kapitalisten erscheint. Darüber
hinaus folgt Ricardo Smith darin, das gesellschaftliche Gesamtprodukt
in die drei Formen von Revenue aufzulösen, nämlich
Profit/Zins, Rente und Löhne. Er behandelt das gesamte Kapital als
variables und abstrahiert vom konstanten Kapital (Kapital I, S. 615-616
und Theorien über den Mehrwert, Band 2, S. 376). Smith und Ricardo
gehen so weit, die Akkumulation mit der Konsumtion des gesamten
kapitalisierten Teils des durch die produktiven Arbeiter produzierten
Mehrprodukts gleichzusetzen (Kapital I, S. 642). Ricardo verwurstelt
die Unterscheidung zwischen fixem Kapital (Arbeitsmitteln) und
zirkulierendem Kapital (Gegenstände, die die ArbeiterInnen
konsumieren), indem er das konstante Kapital mit den
„Naturkräften" verwechselt (Kapital I, Fußnote auf S. 409).
Daß Ricardo den Mehrwert mit dem Profit verwechselt, bedeutet,
daß er nicht sieht, daß dieselbe Mehrwertrate sich in den
verschiedensten Profitraten ausdrücken kann und verschiedene
Mehrwertraten in derselben Profitrate (Kapital I, S. 546-547). Somit
trifft Ricardos konfuser Begriff nur zu, wenn die Zusammensetzung des
Kapitals, der Arbeitstag und durch Veränderungen der Löhne
verursachte Veränderungen der Mehrwertsrate konstant gehalten
werden (Kapital III, S. 74, S. 251). "Daß die bloße
Möglichkeit [daß die Profitrate fallen könnte] Ricardo
beunruhigt, zeigt gerade sein tiefes Verständnis der Bedingungen
der kapitalistischen Produktion. ... Es liegt in der Tat etwas Tieferes
zugrunde, das er nur ahnt." Dieses Tiefere bildet „innerhalb der
Grenzen des kapitalistischen Verstandes, vom Standpunkt der Produktion
selbst, ihre Schranke, ihre Relativität, daß sie keine
absolute, sondern nur eine historische, einer gewissen
beschränkten Entwicklungsepoche der materiellen
Produktionsbedingungen entsprechende Produktionsweise ist.”
(Kapital III, S. 269-270). Ricardos begrenzte Werttheorie hindert ihn
auch daran, die absolute Grundrente zu sehen, weil er glaubt, die
durchschnittlichen Preise der Waren müssten ihrem Wert entsprechen
(Theorien über den Mehrwert, Band 2, S. 122). Aber genauso
verheerend, und vielleicht noch schlimmer, ist die Tatsache, daß
ein Fall der Profitrate die Entwicklung des kapitalistischen
Produktionsprozesses bedroht, und die „Ökonomen also, die wie
Ricardo die kapitalistische Produktionsweise für die absolute
halten, fühlen hier, daß diese Produktionsweise sich selbst
eine Schranke schafft, und schieben daher diese Schranke nicht der
Produktion zu, sondern der Natur (in der Lehre von der Rente)."
(Kapital III, S. 252).
In dem Szenario, das Ricardo für das Ende des Kapitalismus
entwirft, steigen aufgrund der kapitalistischen Entwicklung die Renten,
und dadurch wird die Akkumulation abgewürgt. Weil kein neues
fruchtbares Land hinzukommt, werden für den Anbau immer
schlechtere Böden verwendet, wodurch die differentiellen Renten
steigen und damit die Lebensmittelpreise, woraufhin die Arbeiter
höhere Löhne fordern und so die Profite drücken.
„Die natürliche Tendenz des Profits ist demnach zu fallen; denn
bei dem Fortschreiten der Gesellschaft und des Reichtums wird die
erforderliche Zusatzmenge an Nahrungsmitteln durch das Opfer von immer
mehr Arbeit erlangt. Diese Tendenz, dieses Gravitieren, sozusagen, der
Profite, wird glücklicherweise in sich wiederholenden
Zwischenräumen durch die Verbesserungen der Maschinerie, wie sie
mit der Produktion von Bedarfsartikeln verbunden ist, gehemmt, sowie
durch Entdeckungen in der Agrikulturwissenschaft, die uns in den Stand
setzen, einen Teil der vorher erforderlichen Arbeitsmenge aufzugeben
und infolgedessen den Preis des hauptsächlichsten Bedarfsartikels
des Arbeiters zu erniedrigen. Doch ist das Steigen des Preises der
Bedarfsartikel und des Arbeitslohnes begrenzt; denn sobald der Lohn,
wie in dem früheren Beispiele 720 Pfund Sterling, der
Gesamteinnahme des Landwirtes, gleichkommen sollte, müßte
die Kapitalsanhäufung aufhören, weil dann kein Kapital noch
irgendwelchen Profit abwerfen, und keine Zusatzarbeit verlangt werden
kann, und infolgedessen wird die Bevölkerung ihren höchsten
Punkt erreicht haben. Lange freilich vor dieser Periode wird die sehr
niedrige Profitrate alle Kapitalsanhäufung zum Stillstand gebracht
haben, und nahezu der Gesamtertrag des Landes wird nach Bezahlung der
Arbeiter das Eigentum der Grundeigentümer und der Empfänger
von Zehnten und Steuern sein." (Ricardo, S. 110-11 [Ausgabe Jena 1923])
So sehen wir also, wie Ricardos verdinglichter Blick auf den
Kapitalismus durch die Linsen des fixen und zirkulierenden Kapitals
darin gipfelt, daß für ihn der Mehrwert verdeckt bleibt und
hinter diesem die Arbeitskraft. Ricardo ist nicht Malthus. Für ihn
wird der Kapitalismus nicht durch geometrisches
Bevölkerungswachstum bei arithmetrischer Zunahme der
Subsistenzmittel stranguliert. Was er aber mit Malthus teilt, ist ein
linearer Blick auf die materiellen Verbesserungen im Verhältnis
des Menschen zur Natur, und deswegen stellt er sich als absolute Grenze
der kapitalistischen Akkumulation eine natürliche Grenze vor --
den Mangel an fruchtbarem Land. Marx verwandte sehr viel Arbeit darauf,
die Existenz einer absoluten Grundrente zu beweisen (Grundrente selbst
für die Eigentümer des schlechtesten Bodens), um zu zeigen,
daß die Grenze, die Ricardo nur im endlichen Vorhandensein
fruchtbarer Böden sehen konnte, aus den kapitalistischen
gesellschaftlichen Verhältnissen (in diesem Fall bezüglich
Grund und Boden) bestand.
Soweit haben wir jetzt Marx' Kritik an Ricardo umrissen und die
immanenten Grenzen von Ricardos verkehrtem Blick auf die Welt
aufgezeigt. Aber die bedeutendere Frage bleibt: Was war es denn, das
Ricardo verkehrte, indem er den Kapitalismus vom Standpunkt der
Zirkulation aus betrachtete?
Um das in seiner Gänze zu betrachten, müssen wir uns auf eine
andere theoretische Ebene begeben, die Marx' Kritik der Politischen
Ökonomie mit seinem Frühwerk verbindet und, noch weiter
zurück, mit der deutschen Kritischen Philosophie:
„(Ricardo) ... will die Produktion der Produktion halber, und dies ist
recht ... Produktion um der Produktion halber (heißt) nichts als
Entwicklung der menschlichen Produktivkräfte, also Entwicklung des
Reichtums der menschlichen Natur als Selbstzweck" (Theorien über
den Mehrwert, Band 2, S. 111)
Oder, wie Marx es in den „Grundrissen" formuliert, „die
Entwicklung der reichen Individualität, die ebenso allseitig in
ihrer Produktion als Konsumtion ist und deren Arbeit daher auch nicht
mehr als Arbeit, sondern als volle Entwicklung der Tätigkeit
selbst erscheint..." (Grundrisse, S. 244)
Marx wies die „Verewigung" des Warentauschs durch die politische
Ökonomie zurück, indem er solche Verhältnisse als
Übergang zwischen Feudalismus und Sozialismus ansah. Er
kritisierte Hegel, weil dieser nie über die „Negation"
hinausgegangen war (Objekte nur als Objekte von Gedanken), und
übernahm Feuerbachs Idee des "auf sich selbst ruhende[n] und
positiv auf sich selbst begründete[n] Positive[n]"
(Ökonomisch-philosophische Manuskripte von 1844) als der wahren
Aufhebung der Philosophie und der abstrakten Spekulation. Für Marx
war das wirkliche „auf sich selbst ruhende... Positive" die „sinnliche
umwälzende Tätigkeit": „[Ein Tier] produziert nur sich
selbst, während der Mensch die ganze Natur reproduziert"
(Manuskripte von 1844). Für Marx gab es keinen „positiven"
praktischen Standpunkt innerhalb des Kapitalismus außer der
entstehenden „Klasse für sich", die über die kapitalistischen
gesellschaftlichen Verhältnisse hinausdrängt. Weder der
individuelle Kapitalist (wie ihn die atomistische Annahme der
politischen Ökonomie haben will) noch der Gesamtkapitalist, noch
die Arbeiterklasse „an sich" als lohnarbeitendes Proletariat, konnten
für die Gesellschaft als ganze handeln, also auf wahrhaft
universelle Weise. Nur das Proletariat, indem es „sich selbst als
Proletariat auflöst", die „Klasse mit radikalen Ketten", deren
Emanzipation die Voraussetzung aller Emanzipation war, errang ein
wahrhaft „auf sich selbst ruhendes ... Positives", indem sie sich als
die praktische Aufhebung der bestehenden Ordnung setzte und der
„Entwicklung des Reichtums der menschlichen Natur als Ziel in sich"
zustimmte, sobald die Arbeitskraft sich aus ihrem Status einer Ware
befreit hätte.
Die vor dreißig Jahren erfolgte Veröffentlichung von Marx'
mathematischen Manuskripten warf ein Licht auf diese Problematik
[zuerst veröffentlicht 1968 in Moskau in Form einer zweisprachigen
deutsch-russischen Ausgabe, später in Englisch und
Französisch, deutsche Erstveröffentlichung 1974].
Sie zeigen, daß Marx bis zu seinem Tod ein mathematisches
Programm verfolgte, das aus Hegels Logik stammte, und zwar nicht aus
den Abschnitten der Logik, die Persönlichkeiten wie Lenin, James
oder Dunayevskaya inspirierten, sondern genau aus den 200 Seiten
über die Mathematik des 18. Jahrhunderts, in welchen Hegel eine
Kritik der „schlechten Unendlichkeit" entwickelte, der Idee der
Unendlichkeit als einer endlosen Wiederholung, die nie ihr Ziel
erreicht, einer linearen Unendlichkeit am Ende von Raum und Zeit. Marx
richtete sein Augenmerk nicht nur auf Hegels Logik, sondern er
studierte die ganzen Mathematiker des 18. Jahrhunderts, die Hegel
studiert hatte, während er die mathematische Revolution seiner
eigenen Zeit in den Arbeiten von Riemann, Cantor und Klein nicht
wahrnahm. Vermutlich war Marx' eigenes Experimentieren mit der
Infinitesimalrechnung ein vergeblicher Versuch, eine „wahrhafte
Unendlichkeit" zu formalisieren, mit aller Wahrscheinlichkeit ging es
ihm dabei auch darum, das Reproduktionsschema am Ende von Kapital II zu
lösen sowie das allgemeinere Problem der erweiterten Reproduktion,
das er unvollständig hinterließ. Aber auch ohne
mathematische Formalisierung hatte er die praktische Realisierung der
„wahrhaften Unendlichkeit" bereits formuliert.
Kapital ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält.
Es ist die zur Ware gewordene Verkehrung der Arbeitskraft, des
tatsächlichen Verhältnisses, das sich zu sich selbst
verhält, des wahren praktischen historischen Ortes von Hegels
verdinglichtem Geist. Die Arbeitskraft als der Gesamtarbeiter in einem
kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnis ist in verkehrter,
zerstreuter Form die Gesamtheit der Kräfte der Menschheit .
Sie ist, durch die unbewußte, verkehrte Form der kapitalistischen
gesellschaftlichen Verhältnisse, dieses historische „wahrhaft
Unendliche". Weil Hegel nicht über die Selbstbewegung des Denkens
hinaus zur praktischen Selbstentwicklung der Menschheit gelangen
konnte, beließ er dieses „wahrhaft Unendliche" im Reich der
Kunst, der Religion und Philosophie. Seine Idee der „universellen
Arbeit" (d.h. der schöpferischen Tätigkeit) war auf den
preußischen Monarchen beschränkt. Marx' „sinnliche
umwälzende Tätigkeit" (aus den Thesen zu Feuerbach)
verschiebt diese schöpferische Tätigkeit hin zur Reproduktion
der gesamten Natur durch den Menschen, zu dessen Fähigkeit, sein
Verhältnis (zu sich selbst) in der und durch die Natur auf
intensivere Ebenen zu bewegen.
Viele kennen Marx' geistreiche Bemerkung, daß es die
kommunistische Gesellschaft dem Menschen ermöglicht, „morgens zu
jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem
Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger,
Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden." (Deutsche Ideologie, MEW 3, S.
33) Aber die theoretische Bedeutung, die hinter ihr steckt, wird oft
nicht erfaßt. Gewöhnlich versteht man sie als ein Bild
für die Überwindung der Arbeitsteilung, aber es steckt mehr
darin. Sie ist der praktische Ausdruck dafür, was hier mit
„wahrhafte Unendlichkeit" gemeint ist. Es ist der konkrete Ausdruck der
Überwindung der Reduktion von Menschen auf ihre fixierte
Lebensaktivität in der kapitalistischen Arbeitsteilung.
Die „volle Entwicklung der Tätigkeit selbst" im obigen
Grundrisse-Zitat ist die „praktische" Verwirklichung der wahrhaften
Unendlichkeit. Das bedeutet, daß jede spezifische Tätigkeit
immer der „äußerliche" Ausdruck einer tiefer liegenden
allgemeinen Tätigkeit ist, die eine erweiterte Version ihrer
selbst als ihr eigenes Ziel hat, gerade so, wie Marx es in seiner
Kritik an Ricardo von der „Produktion um der Produktion halber" sagt.
Unter solchen gesellschaftlichen Bedingungen wäre die unmittelbare
produktive Tätigkeit frei assoziierter Individuen in Wirklichkeit
immer eine (Re-)Produktion ihrer selbst mit dem Ziel der
Vervielfältigung der menschlichen Kräfte einschließlich
der Entwicklung neuer Kräfte. Jede Aktivität bezieht sich
zurück auf den Akteur. In diesem Sinne ist die „wahrhafte
Unendlichkeit" die praktische Gegenwart des Allgemeinen in jeder
spezifischen Tätigkeit im Hier und Jetzt. Für die
Aufklärung, einschließlich solcher ihrer Ableger wie
Ricardo, war ein Gegenstand lediglich ein Ding. Für Hegel, und vor
allem für Marx, ist ein Gegenstand eine Beziehung (zu sich
selbst), die durch ein Ding vermittelt ist:
"In fact aber, wenn die bornierte bürgerliche Form abgestreift
wird, was ist der Reichtum anders, als die im universellen Austausch
erzeugte Universalität der Bedürfnisse, Fähigkeiten,
Genüsse, Produktivkräfte etc. der Individuen? Die volle
Entwicklung der menschlichen Herrschaft über die Naturkräfte,
die der sogenannten Natur sowohl, wie seiner eignen Natur? Das absolute
Herausarbeiten seiner schöpferischen Anlagen, ohne andre
Voraussetzung als die vorhergegangne historische Entwicklung, die diese
Totalität der Entwicklung, d.h. der Entwicklung aller menschlichen
Kräfte als solcher, nicht gemessen an einem vorhergegebnen
Maßstab, zum Selbstzweck macht? Wo er sich nicht reproduziert in
einer Bestimmtheit, sondern seine Totalität produziert? Nicht
irgend etwas Gewordnes zu bleiben sucht, sondern in der absoluten
Bewegung des Werdens ist?" (Marx, Grundrisse der Kritik der Politischen
Ökonomie, MEW 42, S. 395/96)
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